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2004 - Links, Galerie GESA, Aarau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LINKS
Luigi Archetti in der Galerie GESA, Aarau
18.1.2004 – 15.2.2004
Einführung von Bruno Steiger

„Links“ nennt Luigi Archetti seine Präsentation von Arbeiten der vergangenen drei Jahre. Dass das Wort nicht auf der linken, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Einladungskarte steht, macht in aller wünschenswerter Deutlichkeit klar, dass wir es nicht mit einer Richtungsangabe zu tun haben. „Links“ meint vielmehr jene Datenmengen, die sich im Internet durch gezielte Operationen zu spezifischen Informationsfeldern zusammenschalten lassen, wobei offenbar auch besagte Operationen selbst als „Links“ bezeichnet werden. Dass Archetti das Wort nicht nur als Ausstellungstitel, sondern auch und ganz buchstäblich als Sammelbegriff für seine Bildwerke in Anspruch nimmt, mag auf seine Arbeit mit Computer zurückgehen. Ich denke hierbei an die auf zahlreichen Compact-Discs dokumentierte musikalische Produktion, bei deren Zustandekommen dem Laptop eine eminente Bedeutung zukommt. Aber auch etliche seiner Arbeiten mit digital verwaltetem bzw. bearbeitetem Bildmaterial zeugen von einer telematisch-apparativen Dimension seines künstlerischen Unternehmens.

Es ist nicht die einzige: der Künstler hat eine ausgesprochene Vorliebe für Mischformen, nicht zuletzt die hier aufliegenden graphischen Arbeiten bezeugen dies. Dass sich sein bildnerisches Schaffen nicht auf eine streng technologische Produktion von medial reflektierter Kunst einschränken lässt, erweist sich ebenso an jenen Werken, die man behelfsmäßig als Malerei bezeichnen könnte. Sie stellen sich als physisch manifest gemachte „Links“ dar, als malerisch organisierte Schaltstellen zwischen realen, virtuellen und geistigen Weltpartikeln, optische Scharniere in einem Feld von Anklängen, Korrespondenzen, Rückverweisen.

Es handelt sich bei Archettis „Bildern“, ich werde auf den Begriff zurückkommen, um Uebergangsobjekte, man könnte von Schwellenphänomenen sprechen. Sie sind unterwegs, sie unterlaufen und überschreiten sich, hinüber in eine nähere oder fernere Ähnlichkeit – oder heim in die ureigenste Unähnlichkeit. Sie sind stets halb da und halb nicht, Relikte eines nie beendbaren Anfangens, Hilfsmittel und Ergebnisse einer Strategie der Vermeidung des Einen und des Ganzen ebenso wie des notorischen „Anderen“. Sie scheinen entlastet von all dem, was gemeinhin von Gestaltungsabsichten korrumpiert; sie sind ziemlich genau das, was ich, in einem freien Rekurs auf die Minimal Art, als Zureichend unspezifische Objekte bezeichnen möchte.

Wir wissen nicht erst seit Donald Judd, dass ich zitiere, „ein Gemälde kein Bild“ ist. Bei Archetti’s malerischen Erzeugnissen nun handelt es sich, indem sie sich nie vollumfänglich auf den platten Selbstverweis reduzieren lassen, offensichtlich nur bedingt um „Gemälde-als-Gemälde“, man ist geneigt, das schöne alte Wort Artefakt ins Feld zu führen. Lassen Sie mich einen Augenblick bei dem Begriff verweilen, er ist interessant genug.
„Artefakt“ meint zum einen das durch Ausübung bestimmter Fertigkeiten Geschaffene, dann aber auch, in archäologischem Zusammenhang, ein eigens bearbeitetes, d.h. zweckgerecht optimiertes Werkzeug. In der Medizin bezeichnet das Wort eine mit Täuschungsabsichten verbundene Selbstverstümmelung, die Elektronik verwendet den Ausdruck in der Bedeutung von Störsignal.
Die im Duden aufgeführten Worterklärungen lassen sich ideal auf Archettis künstlerischen Ansatz übertragen. Dessen Hauptmerkmal sehe ich einerseits in der Einschränkung resp. Erweiterung der basalen technischen Mittel, andrerseits in der Selbstbefreiung von Randbedingungen, zum Dritten alsd Thematisierung des Fertigungsprozesses im Hinblick auf eine direkte Umsetzung von künstlerischem Tun in Produktion: in das, was sich im Handeln ergibt. Aus dem umsichtigen Zusammenspiel dieser Elemente bildet sich Archettis Artefakt gleichsam halbautomatisch heraus. Die subjektive Intention sieht sich zurückgenommen auf eine verhaltene Logistik ästhetischer Prothesen, in welcher das schlussendlich „Gemachte“ vom zweifelhaften, in Geschichte und Erwartung vorformatierten Ruch eines wie auch immer „stimmigen“, selbstidentischen „Objekts“ befreit scheint.

Archettis Bildwerke und –konstellationen gewinnen ihre Gestalt in subtilen Operationen von Stapelung und Ueberblendung, Selbstverwischung und Verfransung, Teilung, Reihung, Variation und Verknüpfung. In der Ueberlagerung von Farbschichten wie auch im Bedacht auf die Eigengestalt des jeweiligen Far4bträgers gewinnt seine Malerei häufig eine dinghafte, gleichsam skulpturale Qualität; auch seine malerische Reflexion von Bildgrenze und Rahmung zeugen von einer sehr grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage des Tafelbilds.

In Archettis hoch entwickelter Sensibilität für Grenzbereiche und räumlich reale oder auch nur mentale Passagen, für die „Links“ im Brachland der Daten und der Dinge, scheint sich eine Matrerialität des bildnerischen Gedankens zu manifestieren, die unserer Gegenstandsauffaassung eine neue Dimension verleiht, unterhalb aller Virtualität und noch diesseits der Aporien irgendeines Inhaltsbegriffs. Die stoffliche Präsenz seiner Vorschläge wie auch ihr evidenter und ebenso rätselhafter ästhetischer Ueberschuss zeugen davon, dass wir es nicht mit Inkarnationen von kunsttheoretischen Metaphern zu tun haben. Hier, im ingeniösen Spiel mit elementaren Form- und Farbenergien wie im Bedacht auf deren physikalische Eigenschaften scheint sich Kunst unmittelbar zu äussern; als das, was sie ist und sein könnte (es ist bekanntlich dasselbe).

Archettis Ansatz hat eine unübersehbar pragmatische Dimension. Sie wird genährt von einer grossen Aufmerksamkeit für die Dingwelt, für die Gestaltofferten und –programme unserer lebensweltlichen Umgebung. Sowohl in seinen Fotogtrafien von vielfältig gestaapeltem Strandgut des täglichen Gebrauchs wie auch in den zeichnerischen bearbeiteten Bildresten medialer Umräume drückt sich ein ausgeprägtes Interesse für die „Links“ zwischen all den sich häufig nur knapp unterscheidenden Realitätsebenen aus, in welchen wir uns bewegen. Dabei schafft er, wie Kunst immer, nicht nur das Beobachtete neu, sondern ebenso unseren Blick, der sich allzu oft damit begnügt, das Offensichtliche zugunsten irgendeines als bemerkenswert Taxierten zu vernachlässigen.

Dass die Modifikation unseres Sehen wie auch jeder überlegte Umgang mit Wahrgenommenem ein unabschliessbarer und nie gänzlich auszulotender Prozess ist, liegt wohl am Ursprung von Archettis künstlerischem Unterfangen. Im Resonanzgefüge der hier vorgestellten Arbeiten erweist sich seine Kunst als präzis inszenierte Lockerung von ästhetischen Voreinstellungen, als Versuch, die Sinne und die Welt auf einer bisher nicht erwogenen Verbindlichkeitsebene neu zusammenzuschalten. Archetti selber spricht von „Interaktionen zwischen Zufall du Totalkontrolle“. Weshalb die Ergebnisse dieser Aktionen oft auch ganz einfach schön sind, möchte ich – und nicht nur weil ich es nicht weiss – lieber unerklärt lassen.